Blau-Weiß kann einem schon mal den Schlaf rauben!

Wie immer am Freitag und Samstag nach Himmelfahrt fand auch in diesem Jahr zum 12. Mal der Event “Run&Bike” statt. Das war in diesem Jahr die Nacht vom 10. auf den 11. Mai. Und natürlich war auch Blau-Weiß mit vielen Teams auf beiden Strecken vertreten.

Olaf G., Christina und ich machten uns um 21:00 Uhr gemeinsam nach Neuzelle auf den Weg. Wir hatten uns vorgenommen, den 100 km Run&Bike zu bezwingen. Christina hatte sich mit ihrer Team-Partnerin Dagmar vor Ort verabredet.

Während der Fahrt wechselten sich aufgeregtes Gelächter, Müdigkeit und Galgenhumor immer wieder ab. Einem von uns zuckte sogar das Auge vor Aufregung. Meine Gedanken stolperten nur so durch meinen Kopf. Auf was habe ich mich da bloß eingelassen? Mein Bettzipfel zuhause zog, wie wäre es da herrlich gewesen, aber ein “Zurück” gab’s jetzt nicht mehr.

Ca. 22:45 Uhr in Neuzelle angekommen, wurden die Fahrräder vom Dach genommen, Getränke, Bananen, Gele u. s. w. in die Gepäcktasche – die für meinen Geschmack recht winzig war – verstaut. Olaf hat seinen Sattel auf eine – für jeden von uns beiden halbwegs – angenehme Höhe eingestellt (er hatte die Knie am Ohr und ich kam immerhin mit den Ballen auf die Pedalen).

Am Start (Klosterportal) angekommen, holten wir uns unsere Startnummern und den Chip für den Zieleinlauf. (Zieleinlauf, wie schön das klingt.) “Das Team” (Olaf und ich) hatte die Start-Nr. 23. Nachdem wir unsere Start-Nrn. mit Sicherheitsnadeln an den Shirts befestigt hatten, fiel uns auf, dass diese mit Namen versehen waren. Na klasse, ich war jetzt Olaf und Olaf war Norma. Kann jetzt noch was schief gehen?

das Team

Auf dem Klosterhof war ein Fest; die Kapelle spielte Musik, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, einige Leute tranken Bier und waren in ausgelassener Stimmung. Mir war irgendwie sehr komisch und nicht zum Feiern, aber dafür waren wir auch nicht angereist. Nach und nach trafen auch alle anderen Teams ein und bereiteten sich auf den Start vor. Gefühlte hundertmal ging ich auf die Toilette und die Wartezeit zog sich wie Gummi. Meine Nerven lagen blank.

Einige Teilnehmer begrüßten ein paar Andere, die sie schon aus den Vorjahren kannten. Gibt es doch Leute, die das nicht nur einmal tun!

Jedenfalls war Blau-Weiß vor Ort richtig gut vertreten. Auch Frank Schüler und Madeleine Timmermann gingen jeweils mit ihren Partnern für diese Strecke an den Start.

0:00 Uhr dann der Startschuss: Eine Traube aus 36 Läufern und Radfahrern machte sich auf den Weg. Olaf rannte los, um mal eben die Spreu vom Weizen zu trennen, ich vergas vor Aufregung an meiner Uhr auf “Start” zu drücken. Das holte ich nach ca. drei Minuten nach. Es war ein Gewirr aus Läufern und Radfahrern, die die ganze Breite der Straße einnahmen. Mir schwirrte der Kopf!

Nach wenigen Minuten hatte ich mich durch die Meute geschlängelt und bin bei meinem Partner angekommen. Erster Wechsel nach 15 min. Olaf hat den ersten Berg bezwungen und der zweite war für mich. Ich lief und lief, da pirschte sich von links ein Team an uns heran. Ich sah eine Frau und einen Mann, die Frau lief und wollte mich überholen. Eigentlich ging es nicht um irgendwelche Zeiten, ich wäre ja froh, wenn ich die Nacht überstehe, aber da erwachte – selbst zu solch einer nachtschlafenden Zeit – in mir der Kampfgeist. Jetzt spürte ich, wir sind doch nicht zum Spaß hier. So lief sie mal vor, dann wieder ich, dann sie und wieder ich, dann reichte es! Nach dem Wechsel lief Olaf auch noch ein Stück mit ihrem Partner und registrierte beim “feindlichen Team” erste Schnappatmung. Nach einigen Minuten war das Thema abgeschlossen, die beiden waren hinter uns und das blieben sie auch für den Rest der Nacht. Irgendwie ein kleiner Sieg!

Mein erster Wechsel wieder aufs Fahrrad war eine völlige Katastrophe. Ich bekam die Jacke nicht angezogen, das Fahrrad kippte, schlug mir gegen den Oberschenkel (wird später ein großer blauer Fleck sein), Durst hatte ich auch, nur keine Zeit, denn Olaf ist schon nach wenigen Sekunden nicht mehr in Sicht. Na das kann ja heiter werden.

Nach einigen Wechseln klappte es dann doch besser, aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl keine Zeit zu haben. Also plante ich auf dem Fahrrad schon meinen übernächsten Wechsel. Habe ich Hunger oder Durst oder andere Befürfnisse? Eins geht nur!

Am ersten Verpflegungspunkt (ca. 20 km) angekommen, habe ich uns den ersten Stempel für die Streckenkarte geholt, Wasser für unsere Flaschen auffüllen lassen und ein Stück Banane und zwei Salzbretzeln eingeatmet. Die Helfer an den Verpflegungspunkten müssen in der Hotellerie tätig sein. Man, war das ein Service, mein Wunsch war ihnen Befehl.

Olaf nannte die erste Zwischenzeit nach 30 km: ca. 2:20 h, er strahlte übers ganze Gesicht. Ich war auch super zufrieden, aber auch auf der Lauer, denn man weiß nie was noch kommt. Und gut so, ein Hügel jagte den anderen, eine Strecke durch den feinsten Sand zwang mich irgendwann doch vom Fahrrad runter, aber ich stieg wieder auf, denn mein Partner lief und lief und lief. Da er weit von mir entfernt war, konnte er meine Flüche nicht hören, irgendwie verging mir auf diesem Stück Weg die Lust, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Zeit für den Wechsel war wieder ran, meine Beine brannten von der Aufholjagd. Wer hat behauptet, dass man sich auf dem Fahrrad ausruhen kann? Den würge ich!

Nach 04:10 h haben wir 50 km geschafft, das konnten wir beide nicht glauben. Wir waren überwältigt. Wir liefen und fuhren und liefen und fuhren, ich as oder trank zwischendurch mal etwas, aber Olaf rechnete nebenbei auch noch unsere Zeiten hoch und sieht uns schon bei 08:30 h im Ziel, wenn alles so weiterläuft.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, der Tag erwacht oder wünschte ich mir das nur? Der Anbruch des Tages, würde ja bedeuten, dass wir schon viel Strecke geschafft hätten. Aber irgendwann wurde es tatsächlich heller und heller.

Die Eindrücke prasselten nur so auf uns ein.

An einigen Stellen war es irrsinnig dunkel. Ohne Stirnlampen und Licht am Fahrrad wäre ein Fortkommen schier unmöglich gewesen. Dadurch wurde ein anderes Sinnesorgan sehr aktiv: Mal konnte man die Oder riechen, denn wir hatten einige Kilometer auf dem Deich zu bewältigen, mal roch es modrig, mal meinte man durch einen Kuhstall zu galoppieren und manchmal roch man den Wald. Vereinzelt quakten Frösche und der eine oder andere Nachtvogel zwitscherte vor sich hin. Und wenn nicht, dann sangen wir uns selbst auch mal was vor.

Teilweise standen brennende Fackeln an der Strecke, das war sehr beeindruckend. Einige Menschen standen vor ihren Häusern, die uns zujubelten und uns schon viele Kilometer vor dem Ziel feierten. Das hat bestimmt jeden Teilnehmer beflügelt, da bin ich mir sicher. Unzählige Male in dieser Nacht haben wir uns mit den Streckenposten oder Zuschauern einen guten Morgen gewünscht, das war er ja auch.

Ab und zu wabberten Nebelschwaden vor der Fahrradlampe oder den Stirnlampen vorbei und einmal hatte man das Gefühl direkt auf eine Nebelwand zuzulaufen. Wer den Film “The Fog” kennt, dem hat es hier tatsächlich geschaudert. Wir zwei kannten den, gruselig!

Die Temperatur fiel auf ca. 7 Grad. Ich habe vor dem Start ein paar Fahrradhandschuhe angezogen und das war auch gut so. Zum Glück regnete es die ganze Nacht nicht ein einziges Mal, es hat irgendwie alles gestimmt.

Dennoch meldeten sich bei uns erste Zipperlein. Ist es ein Stein im Schuh oder räufelt sich schon die Haut auf? Alles egal, Wunden lecken kommt später!

Ich weiß nicht wann, aber ich hatte das Gefühl ich fahre mit angezogener Bremse, aber das war nur ein Jackenärmel, der sich in der Kette verfangen hat. Muss man denn wirklich eine zweite Jacke auf dem Gepäckträger mitschleppen? Ich bekomme Panik, reiße am Ärmel, aber Stopp, sonst reißt noch die Kette ab. Da kommt doch tatsächlich ein Mann und hilft mir mal eben aus der Patsche, die Kette gibt den Ärmel frei, ich raffe die Jacke irgendwie zusammen, aber nur weil der Mann mich bittet, sie nicht wegzuwerfen obwohl sie’s verdient hätte und eile wie eine Irre Olaf hinterher. Ich dachte: “Den kriege ich niemals mehr ein.”

Aber ab jetzt lief alles nur noch wie ein Uhrenwerk, wir wechselten im gleichmäßigen Rhythmus, die Kilometer flogen dahin und wir fühlten uns richtig gut und die Zeit sah klasse aus.

Auch wir wurden von einem Team überholt, das haben wir seit geraumer Zeit im Nacken gespürt. Wir wussten nur noch nicht ob Männer- oder Gemischt-Team. Das uns ein Männer-Team überholte, damit konnten wir ganz gut leben. Dafür haben wir anschließend auch noch ein Männer-Team eingeholt. Ich hätte gern mit Olaf gewechselt, damit ich das Team beim Laufen nicht überholen muss. Sorry dafür, aber Zeit für Gefühle hatten wir nicht. Zumindest haben wir beide freundlich gegrüßt. In solchen Momenten merkt man, dass es doch ein Wettkampf ist.

Bei ca. 75 oder 80 Kilometern gesellte sich Theo zu uns und spendete gute Laune und Kraft, lieben Dank dafür!

Das kalte Wasser ist mir irgendwann etwas auf den Magen geschlagen und deshalb habe ich mal vorsichtig am letzten Boxenstopp warmen Tee bestellt und die Helfer haben prompt meine Flasche gefüllt. Schnell eine halbe Flasche hintergestürzt und dann wurden meine letzten Kräfte mobilisiert.

Bei Kilometer 90 war für mich “fast” der Höhepunkt des Glücks erreicht. Die letzten Kilometer fühlten sich an wie ein Zieleinlauf. Die Zeit lag bei ca. 7 h und irgendwas und ich sollte mal eben noch eine Stunde dazurechnen. Das wäre dann eine Zeit von unter 8,5 h. Das konnte ich nicht glauben.

Theo kündigte die 5 bis 6 km grausame Plastersteinstraße an (diese hatte er schon selbst zweimal bezwungen), aber ich schwebte drüber hinweg vor Glück, auch wenn es ganz sicher nicht so aussah.

Und dann kam der Oberhammer: Ca. 2 Kilometer vor dem Ziel kamen uns die Starter der 45 km-Strecke entgegen. Das Gefühl kann ich mit Worten nicht beschreiben. Selbst das Wort “überwältigend” wäre noch maßlos untertrieben. Ich glaube, ich habe geschrien vor Glück, ich hörte meinen Namen von allen Seiten. Schon allein dafür hat sich jede Anstrengung gelohnt!

Kurz vor dem Ziel wurde es dann noch einmal hektisch. Nun hat es Olaf nicht mehr gereicht unter 8,5 h Stunden im Ziel zu sein, nein jetzt hat er gemerkt, dass es auch unter 8:20 h zu schaffen ist.

Also nochmals wechseln, da ich meine Jacken ausziehen musste, damit meine Startnummer zu sehen ist (die wir ja an unseren Blau-Weiß-Shirts befestigt hatten). Olaf läuft und läuft wie eine Maschine auf und davon. Ich werfe Theo meine Jacken entgegen und hetze Olaf wieder mal mit dem Fahrrad hinterher. Scheinbar habe ich gebummelt, denn Olaf rief: “Komm, komm nach vorn” Gleichzeitig sollte ich den Chip noch an eine Metallplatte schlagen und dabei habe ich dann wieder mal vergessen auf meine Stoppuhr zu drücken.

Im Ziel, bei einer Zeit von unglaublichen 8 Stunden, 17 Minuten und 57 Sekunden fielen wir uns in die Arme. Freudentränen und eine Welle der Gefühle überkam uns. Für diese Zeit ergatterten wir den 2. Platz, unglaublich!

Belege des Erfolges

Wir lassen uns beglückwünschen und die Medaillen umhängen. Wir sind echte Helden!

Madeleine und ihre Partnerin Manuela belegten nach einer Zeit von 09:31 h bei den Frauenteams den 1. Platz und Christina und Dagmar haben es nach 09:43 h trotz Reifenpanne auf Platz 2 geschafft. Zum Glück war Dirk ganz in der Nähe und hat mal schnell das Rad repariert und aufgepumpt. Dirk und Sohn haben wir einige Male unterwegs zu Gesicht bekommen, denn er hat die Fotos auf der Strecke gemacht. Danke von uns allen, dass ihr euch die Nacht um die Ohren geschlagen habt.

Bei den Herren haben es Frank Schüler und sein Partner Jens Ihrecke auch auf einen super 4. Platz mit einer Zeit von 7:31 h geschafft, Wahnsinn! Halt mich fest, wie schnell man für einen 4. Platz sein muss.

Wir haben uns nun erstmal wie Raupen durch Äpfel, Brot, Grillwurst und Kuchen gefressen und auf die Zieleinläufer unserer Teilnehmer von Blau-Weiß gewartet. Alle sind glücklich im Ziel angekommen und konnten sich über ihre wieder mal tollen Zeiten und sowieso super Leistungen riesig freuen. Der Veranstalter hat nicht schlecht über die rege Beteiligung von unserem Verein gestaunt. Wir sind eben ein Haufen voller Verrückter mit viel Bewegungsdrang.

Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis sich das Grinsen aus meinem Gesicht verflüchtigt.

das Grinsen möchte nicht mehr weg

@Olaf G.: Ich bin mir sicher, wir waren wirklich “Das Team”!!! Von diesem Erlebnis werde ich noch Wochen zehren, vielen Dank für dein Vertrauen. Mir kamen selbst beim Schreiben noch die Tränen und Gänsehaut pur.

Die Organisation dieser Veranstaltung, mit samt der Versorgung und der Ausschilderung der Wegstrecke war einfach fantastisch. Allen (immerhin Ehrenamtlichen), die uns in der Nacht und die Starter am Tage so toll unterstützt haben, hiermit unseren großen Respekt und besten Dank. Habt ihr alles super gemacht, denn wenn ich mich nicht verlaufe oder nicht verhungere, kann’s nur perfekt gewesen sein.

Norma

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